Er sitzt im Stadttor und wartet. Darauf, dass Menschen Mitleid mit ihm haben und ihm eine kleine Münze zustecken. Mehr kann er nicht erwarten und tut es auch nicht. Blind ist er, von Geburt an. Er kann die Getreidekörner riechen und sagen, ob sie reif sind oder zu früh geerntet wurden. Er weiß, ob es Mirjam gut geht, erkennt es an ihrer Stimme und der Art, wie sie geht. Er spürt die Soldaten schon lange bevor alles in die Häuser flüchtet.
Warum grade er? Er weiß es nicht. Und solange seine Familie auch nach hinten schaut: von keinem seiner Vorfahren ist eine Sünde bekannt, die so eine Strafe wert wäre. Er seufzt. Es hilft ja nichts zu grübeln. Das hat er lange genug getan. Er hat sich eingerichtet. Tag für Tag kommt er ans Tor und meistert den schwierigen Spagat zwischen Mitleid erzeugen und nerven. Mirjam bringt ihm Essen und manchmal ein abgelegtes Kleid. Ihm kann es ja egal sein, er weiß sowieso nicht, wie er aussieht.

Bis dieser Jesus kommt. Natürlich hat er von ihm gehört. Es ist ein winziger Hoffnungsschimmer. Der könnte ihn heilen. Er hat es aus anderen Städten gehört. Er müsste ihn halt bemerken.
Bartimäus sitzt am Stadttor und lauscht. Er weiß genau, wann diese Gruppe um Jesus in Hörweite ist, in der richtigen Hörweite. Er hat nur diesen einen Versuch, er muss die richtigen Worte finden, darf nicht zu fordernd sein, darf den Rabbi nicht beleidigen, aber er muss es wagen. Er fängt an zu schreien “Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!” Sechs Worte. Das muss reichen, das wird Jesus sofort verstehen.
Bartimäus schreit und alle erschrecken sich. Die meisten wussten gar nicht, wie seine Stimme klingt. Bartimäus brüllt so laut er kann und bringt damit alle in eine peinliche Situation. Sie wollen sich Jesus doch von ihrer besten Seite zeigen, wenn er schon mal kommt. Aber jetzt schreit Bartimäus und macht damit die hässliche Seite der Stadt, die Armut sichtbar.
Die Menschen versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Erfolglos. Bartimäus brüllt aus Leibeskräften. Er hat nur diese eine Chance. Und Jesus hört ihn. Es gehört irgendwie zu seinem Charakter, dass er die Leisen hört, Gemeinschaft für die Ausgegrenzten schafft. Wahrscheinlich hätte er Bartimäus auch ohne sein Geschrei bemerkt, aber das weiß Bartimäus ja nicht. Er kennt Jesus nur vom Hörensagen.
Jesus hat keine Scheu von Dreck und Gestank, vor Armut und Not (anders als ich). Er lässt Bartimäus zu sich bringen und als er vor ihm steht, kann Bartimäus seine Anwesenheit spüren. Noch bevor Bartimäus etwas sagen kann, fragt ihn Jesus “Was willst du, dass ich dir tue?“ Ob Bartimäus darüber nachdenken musste? Wir wissen es nicht.
Doch das ist eine Frage mit großer Sprengkraft. Was willst Du? Was soll geschehen? Allzu oft haben wir uns mit unserer Situation eingerichtet wie Bartimäus. Wir kommen zurecht, ziemlich gut sogar, wenn wir ehrlich sind und unsere Probleme gehören zu unserem Leben dazu, manchmal zeichnen sie uns geradezu aus. Alle Lösungsversuche schmettern wir gekonnt mit einem „ja, aber …“ ab und wir beherrschen den Konjunktiv – könnte, müsste, sollte – perfekt. Wir warten auf eine Retterin, von der wir sicher sind, dass sie nicht kommt.
Was wäre aber, wenn unser Problem gelöst wäre? Was würde sich ändern? Gute Frage. Wenn mir darauf keine Antwort einfällt weiß ich: das Problem liegt bei mir – ich muss etwas tun. Und dazu muss ich wissen, was ich will.
Für Bartimäus ist die Sache klar. Er will wieder sehen können. Das Augenlicht ist seine Eintrittskarte in das soziale Leben der Stadt Jericho. Einen Beruf wird er vermutlich nicht mehr lernen können. Aber er wird dennoch ein eigenes, relativ selbstbestimmtes Leben führen können.
Bartimäus bittet Jesus übrigens nicht um Heilung. Er sagt nur seinen Wunsch. Es ist sein Glaube, der ihn rettet. Jesus tut gar nichts. Das Augenlicht ändert für Bartimäus alles, auch seine Lebensplanung. So oft hat er sich vorgestellt, wie es wäre, sehen zu können, und was er dann alles tun würde. Doch nichts davon tut er jetzt. Er geht, verlässt alles Vertraute und folgt Jesus.
Bartimäus zeigt: wenn sich ein Wünsch erfüllt, kann es völlig anders kommen, als wir vorher dachten. Dazu brauchen wir Offenheit und den Mut des Bartimäus, laut und manchmal auch peinlich zu sein.
Text: Andrea Ludwig
Bild: Youtube
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