
Das Annafest. Es gehört nach Staufen.
Die Fahnen, die überall im Städtle wehen. Das gemütliche Zusammensitzen unter den Platanen. Der Begegnungstag mit Jung und Alt am Montag. Der Gottesdienst auf dem Marktplatz in der Mitte der Stadt. Das Tragen der Annastatue durch unsere Straßen. Mittlerweile ist es schon das fünfte Mal, dass ich das Fest mitfeiern darf. Zu Beginn hieß es: „Das Weinfest ist natürlich noch größer und voller. Aber das Annafest, das ist das Fest der Staufener. Das feiern wir und schätzen die Begegnung und das Miteinander.“
Man könnte damit sagen: es gehört zur Staufener Identität, das Annafest zu feiern. Die Stadtpatronin hochleben zu lassen.
Nur: ist das nicht grundsätzlich problematisch geworden? Von Identität zu sprechen? Grenzt das nicht ab und schließt aus? ZB. die Münstertäler und Krozinger. Ok, vielleicht ein wenig scherzhaft. Aber was ist mit denen, die mit der Anna nichts anfangen können. Oder mit dem Christentum allgemein. Der Anteil der katholischen Christinnen und Christen in Staufen liegt bei etwa einem Drittel. Wenn wir heute zusammen ökumenisch feiern, stehen wir gemeinsam mit den evangelischen Christen noch etwa für die Hälfte der Bevölkerung. Was ist da „unsere“ Identität?
Kleiner Schwenk nach England. Da gab es dieser Wochen große Aufruhr. Naja, ich übertreibe vielleicht ein wenig. Aber in der anglikanischen Kirche fand eine Entscheidung von König Charles schon Beachtung. Und nicht alle fanden das gut.
Er hatte erklärt, dass er nicht mehr länger „Verteidiger des Glaubens“ sein wolle. Diesen Titel hatte der englische König seit den Zeiten von Heinrich VIII. inne, als sich die anglikanische Kirche gründete. Verliehen hatten ihn damals das Parlament mit dem Ziel, die anglikanische Kirche zu verteidigen und das Volk zu einen.
Jetzt wolle er lieber "Beschützers für den Raum für Glauben in einer multireligiösen Nation" sein, so König Charles. Irgendwie passender und zeitgemäßer, wie ich finde. Auch (oder gerade) als Katholik. Denn noch vor 20 Jahren traute sich aus Gründen der Staatsraison der damalige Premierminister Tony Blair erst nach seiner Amtszeit, zum katholischen Glauben zu konvertieren, obwohl er darin schon lange beheimatet war.
Trotzdem gab es erhebliche Kritik an der Entscheidung des englischen Königs. Wie kann man solch eine wichtige Identität für das britische Volk einfach aufgeben? Das gehört doch irgendwie untrennbar zusammen: die Zugehörigkeit zur anglikanischen Kirche und zu Großbritannien?
Und zudem: ist es nicht zwingend notwendig, dass wir so etwas wie eine Identität haben? Etwas, das einen auch ausmacht. Nicht nur beliebig erscheinen lässt.
Es ist die große Herausforderung: das eigene zu leben, sich damit zu identifizieren – ohne andere dabei auszugrenzen. Geht das überhaupt? Und welche Folgen hätte das, wenn ich meine, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist? Sollten wir dann auf Eigenheiten oder Spezialitäten verzichten? Können wir als kleinsten gemeinsamen Nenner uns dann nur noch darauf einigen, dass irgendwie alle „sein“ dürfen? Letzteres sollte ja ohnehin selbstverständlich sein. Und doch zeigt uns unsere Zeit, dass das alles gar nicht so einfach ist.
Manche meinen, eine Antwort darin zu finden, indem sie Identität vor allem als Abgrenzung betrachten. Indem man feststellt, wer alles nicht dazu gehört. Indem man sich gegen andere abschottet. Glauben sie, so frage ich mich, im Ernst, dass sie durch das Errichten von Trennlinien Identität erzeugen?
Manche meinen, dass Identität schon wichtig wäre, aber letztlich keine Inhalte mehr erzeugen dürfe, weil das problematisch sei. Man kann sich dann nur noch auf Unverfängliches und Oberflächliches einigen, Spezialitäten wie das Essen zum Beispiel. Dann bestünde unsere Identität hier in Südbaden am Ende noch aus Schwarzwälder Kirschtorte, einem edlen Tropfen Gutedel und Speck. Glauben sie, so frage ich mich, im Ernst, dass das, was wir essen und trinken, Identität bildet?
Nein: letztlich finden wir Identität in dem, was unsere Kultur ausmacht und geprägt hat. Und das ist hier in unseren Breiten neben manch Anderem in herausgehobener Weise der christliche Glaube. Aus dem sich eben Traditionen wie das Annafest entwickelt haben. Um herauszufinden, wer wir sind und weshalb unsere Kultur so geworden ist, ist es deshalb notwendig und spannend, zu schauen, was diese Wurzeln ausmacht, aus denen wir leben.
Zusammenhalt und Identität entstehen nämlich dort, wo das lebendig gehalten und weiter entwickelt wird – wie es in einem bekannten Ausspruch heißt, der gleich zahlreichen Urhebern zugesprochen wird: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Wo dies nicht in Abgrenzung zu anderen praktiziert, sondern mit eigener Überzeugung schlicht und ergreifend gelebt wird. Wo das, was uns als Gemeinschaft und einen persönlich ausmacht, ganz selbstverständlich vollzogen wird. So dass es anschlussfähig ist, ohne anbiedernd zu werden.
Der christliche Glaube ist von seinem Wesen nach genau darauf hin ausgerichtet. Ich habe deshalb als Schrifttexte zwei Stellen ausgewählt, die das in besonderer Weise zum Ausdruck bringen; die zeigen, was uns als Christen von innen her trägt und prägt.
Das erste ist der Text aus dem Buch des Propheten Jesaja. Er spricht davon, wie übergroß die Liebe ist, die Gott seinem auserwählten Volk schenkt. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Nichts kann dem Volk Israel schaden: weder wird es durch gewaltige Ströme weggerissen, noch durch Feuer versengt. Es hat immer Bestand: diese Zusage Gottes steht. Sie ist sogar in die Zeit hinein gesprochen, wo dieses Volk zerstreut ist, im Exil. Wo es eigentlich am Ende ist.
Dahinter steht eine tiefe Weisheit: Wer eine Identität bilden will: der muss zuerst einmal erfahren, dass er selbst angenommen ist. Geliebt wird. Nur dann kann ich ein positives Selbstbild finden. Das in sich Bestand hat. Gott schenkt uns diese Liebe und Zuwendung.
Im alten Bund gilt diese Zusage an Israel auch in Abgrenzung an die Völker um es herum. „Ich gebe für dich ganze Länder, und für dein Leben ganze Völker.“
Im neuen Bund, den Jesus Christus stiftet, wird diese Trennung, diese Abgrenzung aufgehoben. Sein Heil gilt allen Menschen. Ohne Vorbedingung. Ohne Grenzen.
Es zeigt sich in dem, was wir im Evangelium gehört haben. Im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Das ist die tiefe Grundlage des christlichen Glaubens; was uns als christliche Gemeinde ausmacht. Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben.
Eine Identität, die in der Tat nicht ausgrenzt. Die nicht zuerst fragt, ob der Nächste, der mir begegnet auch wirklich „zu mir“ und „den Meinen“ gehört. Aus der sich deshalb die Sorge um die alten und kranken Menschen entwickelt hat – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Stand. Aus der sich das Anliegen der Bildung für die Kinder und Jugendlichen gebildet hat. Wo schon immer nach den Bedürftigen aller Art geschaut wurde.
Diese Haltung bleibt deshalb auch dann bedeutungsvoll und integrierend, wenn wir als Glaubensgemeinschaft nicht mehr die Mehrheit bilden. Weil sie offen und einladend ist, wie das Annafest selbst.
Doch warum feiern wir es jetzt, das Annafest? Weshalb gehört es zur Staufener Identität dazu? Weshalb ist sie unsere Stadtpatronin?
Nun, zuerst hat es mit dem Bergbau zu tun, der Staufen und das Münstertal geprägt hat.
Und dann mit der – gewiss erst einmal katholischen – Eigenart, dass man für so gut wie alles einen Patron hat, der dafür „zuständig“ ist. So wie wir das ja auch aus unserem Alltag kennen. Da gibt es Menschen, an die ich mich wende, wenn ich bestimmte Anliegen habe. Als mir etwa jetzt im Urlaub der Steg meiner Gitarre abgebrochen ist, habe ich gewusst, wen ich fragen konnte, damit sie nun wieder einsatzfähig ist. Und so ist der Gedanke, dass das auch über den Tod hinaus bestehen bleibt, weil das Leben ja für uns als Glaubende mit dem Tod nicht zu Ende ist, sondern weiter geht.
Und deshalb auch das Füreinander einstehen – wenn auch in anderer Weise.
Aber was hat nun die hl. Anna, die Mutter Mariens, die erst in den sogenannten apokryphen Evangelien auftaucht, mit dem Bergbau und damit mit Staufen zu tun? Weshalb wollten die Menschen hier früher mit ihr verbunden sein?
Der Grund dafür ist vielleicht etwas weit hergeholt aber gerade dadurch auch, wie ich meine, anschlussfähig in unsere Zeit, in der es den Bergbau ja bei uns gar nicht mehr gibt.
Die Vorstellung von der „mulier fortis“, der starken Frau, steht dabei im Hintergrund. Als solche wurde Anna betrachtet. Als solche wurde sie zur Patronin von Zünften und von Handels- und Gewerbetreibenden, sie wurde um die Vermehrung des Reichtums angerufen. Dies führte zum Schriftwort vom Schatz im Acker (Mt 13, 44). Von da ausgehend kam es dann dazu, dass Anna zur Patronin der Bergleute wurde, die ja diese Schätze aus der Erde holten.
Ist Anna als „starke Frau“ aber nicht gerade in unserer Zeit ein gutes, passendes Motiv für unsere Stadt? Die damit einen wertvollen Beitrag leisten kann, zur Identität von jungen Frauen?
Ein Zweites zeigt Anna, wie ich finde in unsere Tage hinein. Die Bedeutung, die die Herkunftsfamilie für die Identität hat. Wir fallen ja nicht vom Himmel. So wie wir geworden sind, sind wir durch die Prägung unserer Familie geworden. Meine eigene Persönlichkeit hat mit dem zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Mit den Eltern, den Großeltern. Mit realen Menschen. Manchmal, hoffentlich bei Vielen, im positiven Sinn. Aber selbst da, wo es schwierig war und sich meine Identität durch die Abgrenzung entwickelt hat. Sich damit auseinander zu setzen, was das für mich persönlich heißt, was ich vielleicht bewusst von meinen Eltern und Großeltern übernehmen möchte und was nicht. Das hilft so sehr, einen eigenen Selbststand, und damit eine Identität zu finden.
Deshalb gehört das Annafest nicht nur wegen der schönen Fahnen, dem gemütlichen Beisammensein und der schönen Atmosphäre auf dem Marktplatz zu Staufen dazu. Es ist dadurch verbindend und weiterführend, ohne die eigene Identität aufzugeben. Wir feiern es deshalb bewusst ökumenisch, um diese Verbindung unter den christlichen Kirchen zu zeigen und gemeinsam einladend zu sein. Um das Miteinander zu fördern und Orientierung zu geben. In diesem Sinne ist es nicht nur möglich, sondern sogar geboten, unsere Identität zu zeigen, Es führt so viel weiter als Oberflächlichkeit und ausgrenzende Parolen.


