Vituskapelle

St. Vitus in Wasenweiler – ein Kleinod am Kaiserstuhl
Zwischen Ihringen und Wasenweiler liegt die kleine Friedhofskapelle St. Vitus. Von außen wirkt sie schlicht und unscheinbar. Im Inneren überrascht sie mit besonderen Kunstschätzen: mittelalterlichen Wandmalereien, einem spätgotischen Schnitzaltar und Zeugnissen einer jahrhundertealten Geschichte.
Von der Pfarrkirche zur Friedhofskapelle
St. Vitus war einst die Pfarrkirche von neun Weilern. Von diesen Siedlungen bestehen heute nur noch Ihringen und Wasenweiler. Die übrigen sind im Laufe der Zeit verschwunden. An diese Geschichte erinnert der Name „Neunkirch“.
Die Anfänge des Gotteshauses reichen möglicherweise bis ins 9. Jahrhundert zurück. Darauf deutet ein alter Taufstein hin, der heute im Badischen Landesmuseum aufbewahrt wird. Vielleicht diente die Kirche ursprünglich als Taufkirche.
Im Mittelalter wechselten die Herrschaftsverhältnisse mehrfach. Wasenweiler gehörte zunächst zum elsässischen Kloster Murbach und kam 1297 an den Deutschen Orden. Bis 1716 blieb St. Vitus die Pfarrkirche von Wasenweiler.
Ihre künstlerische Blüte erlebte die Kirche im 15. und 16. Jahrhundert. In dieser Zeit entstanden die bedeutenden Wandmalereien und der spätgotische Altar. Auch das Sakramentshäuschen von 1507 gehört zu den besonderen Ausstattungsstücken.
Mittelalterliche Bilder erzählen vom Glauben
Die Wandmalereien im Kirchenschiff schildern das Leben und Leiden des heiligen Vitus, der auch unter dem Namen Veit bekannt ist. Der Bilderzyklus entstand vermutlich zwischen 1430 und 1450.
Vitus zählt zu den Vierzehn Nothelfern und wurde im Mittelalter weithin verehrt. Nach der Legende hielt er trotz schwerer Verfolgung an seinem christlichen Glauben fest. Zu seinen Begleitern gehörten seine Amme Crescentia und sein Erzieher Modestus.
Ein besonders bekanntes Motiv zeigt Vitus in einem Kessel mit siedendem Öl. Der Überlieferung zufolge überstand er diese Qual unversehrt. Der Kessel wurde deshalb zu seinem Erkennungszeichen.
Im Chor sind die zwölf Apostel dargestellt. Diese Malereien werden in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert. Zusammen mit dem Vituszyklus geben sie einen eindrucksvollen Einblick in die religiöse Bilderwelt des Mittelalters.

Ein kostbarer Schnitzaltar
Ein besonderer Schatz ist der spätgotische Holzaltar aus der Zeit um 1500. Er wird dem Bildschnitzer Sixt von Staufen zugeschrieben, dessen Werke auch im Freiburger Münster zu finden sind. Bemerkenswert ist, dass das Holz ursprünglich nicht farbig bemalt wurde.
In der Mitte des Altarschreins steht Maria mit dem Jesuskind auf einer Mondsichel. Neben ihr sind der heilige Nikolaus und ein weiterer Heiliger dargestellt. Ob es sich dabei um Stephanus oder Laurentius handelt, lässt sich wegen fehlender Erkennungszeichen nicht eindeutig bestimmen.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Altar zum Schutz aus der Kapelle gebracht. 1953 gelangte er in das Freiburger Augustinermuseum, wo er restauriert wurde. Seit 2011 befindet er sich wieder in St. Vitus.
Von den früheren Seitenaltären ist heute noch der linke erhalten. Sein barockes Altarbild zeigt unter anderem Vitus’ Begleiter Crescentia und Modestus sowie die Heiligen Georg und Elisabeth von Thüringen.
Bewahrt und wiederentdeckt
Der Dreißigjährige Krieg hinterließ schwere Schäden an St. Vitus. Später verschwanden die mittelalterlichen Wandbilder unter Gipsschichten. Als 1716 eine Kapelle im Ort zur Pfarrkirche ausgebaut wurde, verlor St. Vitus seine bisherige Bedeutung.
1850 war das Gebäude vom Einsturz bedroht. Mit privaten Mitteln konnte es instand gesetzt werden; 1904 folgte eine weitere Renovierung. Die Wandmalereien wurden 1919 durch Joseph Sauer freigelegt und zwischen 2005 und 2010 restauriert.
Dass dieses besondere Gotteshaus erhalten geblieben ist, verdankt sich auch dem langjährigen Einsatz engagierter Menschen vor Ort.
Ein Ort zum Entdecken und Innehalten
St. Vitus verbindet die Geschichte Wasenweilers mit eindrucksvollen Zeugnissen mittelalterlicher Kunst. Wer die kleine Kapelle betritt, entdeckt einen Raum, der über Jahrhunderte vom Glauben der Menschen geprägt wurde – und bis heute zum Schauen, Nachdenken und Innehalten einlädt.
Grundlage ist der Beitrag von Ernst Heim und Dr. Erwin Grom aus unser Münster, Nr. 59, Advent 2021, bearbeitet von Martin Hau

