
Prinzessin Maria Immaculata von Sachsen hatte eine Idee. Darauf gebracht hatte sie ihr Werdegang. Denn sie war eine wahre Europäerin. In Cannes war sie geboren. Ihre Eltern, Grafen von Caserta in Sizilien musste die Heimat verlassen, weil das Königreich Sizilien von Italien einverleibt wurde. Über Österreich kamen sie nach Frankreich. Sie spricht neben französisch und italienisch auch deutsch, spanisch und englisch, hat Kenntnisse in Latein. Ist vielseitig interessiert und karitativ engagiert. 1906 heiratet sie Johann Georg von Sachsen und zieht mit ihm nach Dresden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Monarchie lebt sie mit ihrem Mann in Freiburg.
Sie ist ein wacher Geist und hat vieles gesehen. Sie ist tief in ihrem Glauben verwurzelt. Und sie denkt weiter. Nimmt die Aufgaben der Zeit an, kennt die Stimmung, in der die Menschen leben.
Und diese Stimmung ist nicht gut. Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren. Das Volk erlebt eine Zeit tiefer Verelendung und Unsicherheit, auch um Moral und Zukunftsperspektive ist es nicht gut bestellt. Woher kann Hoffnung kommen?
Für Prinzessin Maria Immaculata ist es klar: von der Kirche, aus dem christlichen Glauben. Doch um die Kirche war es gleichfalls nicht gut bestellt. Auch sie geriet in Bedrängnis. Allein die Erzdiözese Freiburg verzeichnete im Jahr 1926 eine Mangel von 200 Priestern. 100 Seminaristen waren im Krieg gefallen.
Was das bedeuten würde, hatte Maria Immaculata in ihrer Jugend in Frankreich erlebt. Dort wurden 1882 die Kreuze aus den Schulräumen entfernt, Geistlichen der Zutritt zu den Schulen verboten. 1905 erfolgte die Trennung von Kirche und Staat. Das Christentum aus dem öffentlichen Leben verdrängt, weite Bevölkerungsschichten entchristlicht. Sie hatte die seelische Verwahrlosung, die damit einherging, selbst erlebt. In einer Predigt, die sie hört, wird dies dem Priestermangel zugeschrieben. Der Prediger ruft dazu auf, um gute Priester zu beten. Das hat sie sich gemerkt.
Und sie erkennt: das ist ihre Aufgabe, dem in Deutschland entgegen zu wirken. Sie ruft einen „Verein für Priesterhilfe“ ins Leben. Dazu klopft sie bei Bischöfen an, reist bis zum Papst, überzeugt und begeistert, geht mit Rückschlägen um, am Ende gründet sie mit anderen Frauen in Freiburg das „Frauenhilfswerk für Priesterberufe“, das sich dem Gebet um Berufungen verschrieben hat. Zudem sollten durch die Spende von jährlich einer Mark die Mitglieder dazu beitragen, dass auch ärmere Seminaristen sich ein Studium leisten konnten.
Das Werk wächst, hat etwa 250.000 Mitglieder in ganz Deutschland, mehrere Millionen kommen zu den Gebetszeiten. Im Laufe der Zeit kann es in fast allen deutschen Diözesen Fuß fassen. Nur international ist es schwierig: Ideen aus Deutschland sind in den 30er Jahren generell nicht so gut angesehen. In Frankreich ist zudem die Säkularisierung zu weit fortgeschritten. Als Pius XII. ihr in einer Audienz 1939, frisch ins Amt eingeführt, den Segen erteilt, ist daheim in Deutschland von dem Segen nicht viel zu spüren. Ein paar Monate später wird das Werk von den Nationalsozialisten verboten. Maria Immaculata hat so viel bewirkt, zur Erneuerung der Kirche in Deutschland wesentlich beigetragen, und ist doch am Boden zerstört. Ist alles verloren? Pater Paschalis Schmid, einer ihrer Mitstreiter schreibt ihr: „Ob es uns nicht gehen wird wie den Emmausjüngern? Sie meinten, nun sei alles verloren und wanderten doch schon im Osterjubel.“
Was auch er nicht wissen konnte. Papst Pius XII. gründete aufgrund des Verbots das Werk 1941 international als päpstliches Gebetswerk neu. Es bekommt dadurch eine internationale Kraft, die es zuvor nicht hatte. Noch während des Nazi-Regimes wird es auch in Deutschland als päpstliches Werk wieder eingeführt.
Warum ich das alles erzähle am Trudpertsfest? Wo es doch um den Heiligen Trudpert und nicht um die Prinzessin Maria Immaculata aus Sachsen gehen sollte?
Nun, zum einen, weil es genau 100 Jahre her ist, dass sich all das in Freiburg ereignet hat und eine Auswirkung auf die Kirche weltweit hatte. Dann, weil wir heute in der Kirche den Gute-Hirten-Sonntag feiern, den die Bewegung der Frauen als „ihren“ Gebetstag erkoren hat, weil darin deutlich wird, wie sehr die Kirche gute Hirten braucht. Und dann aber auch, weil in dieser Geschichte wie auch in der Geschichte des Hl. Trudpert etwas sichtbar wird: es sind oft einzelne Menschen, die so viel bewirken können!
Wie oft denkt man: „Alles ist schwierig. Wie soll es weitergehen? Ich kann nichts bewirken!“
Wie falsch ist das! Was der Einzelne macht, das hat eine Bedeutung! Das macht einen Unterschied! Natürlich: nicht jeder ist ein Trudpert, nicht jede eine Maria Immaculata. Und doch macht es einen Unterschied, was ich tue. Es ist nicht gleichgültig. Jede und jeder von uns hat die Möglichkeit, ein Zeugnis des Glaubens zu geben. Gerade in einer Zeit, die von der Diagnose, wie sie Maria Immaculata von Sachsen getätigt hat, nicht weit entfernt ist. In der man tatsächlich auch das beobachten kann, was sie als „seelische Verwahrlosung“ bezeichnet. Wo es so viel Hoffnungslosigkeit gibt, so viel geistige Heimatlosigkeit.
Da ist es nicht unsere Aufgabe zu jammern und zu lamentieren. Zu schimpfen auf all die, die versagt haben. Bei wem auch immer die Schuld zu suchen. Da ist es unsere Aufgabe, nach dem zu fragen, was Gott von mir deshalb will. In dieser Zeit. Mit diesen äußeren Umständen. Mit allen Unsicherheiten.
Ein Blick in die Geschichte kann da helfen. Denn er bewahrt uns davor, zu meinen, dass früher alles so viel einfacher und besser war. Vor über 1400 Jahre für den Heiligen Trudpert nicht. Wieviel Beschwerliches hat er auf sich genommen, um hier bei uns den Glauben zu verkünden! Sogar sein Leben hat er dafür gegeben. Er hat nicht vor der Übergröße der Herausforderung zurückgeschreckt. Äußere Schwierigkeiten haben ihn nicht abgehalten. Und vor 100 Jahre gilt dasselbe für Maria Immaculata. Wie zäh war sie, um ihr Werk zur Förderung von Priesterberufungen voran zu bringen. Wie schwer war es für sie, als mit einem Mal alles verloren schien. Sie haben beide nicht resigniert, vielmehr „nur“ danach gefragt, was Gott von ihnen will.
Durch ihren Einsatz, durch ihre Fähigkeit, sich nicht entmutigen zu lassen, haben sie so viel bewirken können. Waren in der Spur des Guten Hirten unterwegs und haben den Weg zu ihm anderen gebahnt.
Noch eines zu dem Werk von Prinzessin Maria Immaculata. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erkannte die Kirche, dass es mehr gibt als nur die Berufung zum Priester: dass die Nachfolge Jesu so unterschiedlich aussehen kann. Die Prinzessin selbst ist ja in ihrer Person ein Beispiel dafür. Und sie zeigt damit auch uns: jeder und jede von uns hat durch die Taufe und dann später die Firmung die Befähigung und die Berufung, als Glaubenszeugen das Evangelium zu verkünden.
Und doch hat Maria Immaculata, wie ich finde, eines richtig erkannt: es braucht Menschen, die sich als Priester oder Ordensleute oder Missionare wie Trudpert ganz in den Dienst Jesu rufen lassen. Die bereit sind, ihr Leben für das Evangelium zu geben. So wertvoll und wichtig alle christlichen Berufungen sind, etwa auch in der Familie: ohne geistliche Berufungen wird da christliche Leben zurückgehen.
Wir alle wissen, wie groß da die Not in unserem Land ist! Und deshalb ist es so bedeutsam, dem Auftrag Jesu zu folgen, und um Arbeiter in seinem Weinberg zu beten. Dabei zum einen zu fragen, was heute meine eigene Berufung sein kann. Und dann ganz konkret auch um Priester und Ordensberufungen zu beten. Ich bin froh und dankbar, dass einige unserer Ministranten gemeinsam mit anderen genau das gestern Abend hier getan haben. Ich bin überzeugt: das Gebet ist der Schlüssel dazu, dass sowohl die Taufberufung wie auch geistliche Berufungen in unserer Gemeinde und in unserem Land wachsen können. Das dürfen wir als Kirche im Gesamten noch mehr erkennen. Es ist die Grundlage für alles andere.
In der Kirchenentwicklung 2030 organisieren wir aktuell vieles, versuchen alles so gut es geht zu gestalten, wenn es weniger Priester und Hauptamtliche in der Kirche gibt. Und das ist auch notwendig und gut. Wichtiger scheint mir tatsächlich das Gebet um Berufungen zu sein und der Glaube, dass es mit der Botschaft, für die der Hl. Trudpert sein Leben gegeben hat, weiter gehen wird. Denn gerade unsere Zeit braucht das Evangelium als Orientierung so sehr! Von wo, wenn nicht von uns Christen, soll in unserer Welt Hoffnung kommen? Wer, wenn nicht wir, kann ein Beispiel der Liebe geben?
Oft sehen wir dabei nur das „Nicht-Mehr“ oder die Schwierigkeiten. Vielleicht ist es aber auch bei uns so, wie es Pater Paschalis Schmid Prinzessin Maria Immaculata geschrieben hat: „Ob es uns nicht gehen wird wie den Emmausjüngern? Sie meinten, nun sei alles verloren und wanderten doch schon im Osterjubel.“

Ihr Pfarrer Michael Maas