Gedanken zur Zeit

Tot

für immer?

Heute teile ich die Gedanken des von mir sehr geschätzten Kölner Kollegen Peter Otten zum Evangelium vom kommenden Sonntag. Dieser Text ist natürlich urheberrechtlich geschützt und darf nicht so ohne Rücksprache genutzt werden.
 
Menschen können tot sein, dass sie stinken, obwohl sie atmen, essen und trinken. Und Menschen können sterben - und trotzdem nicht aus dem Leben fallen. Die Grenze zwischen Leben und Tod hat nichts mit biologischer Zellteilung zu tun. Darum geht es in der Geschichte, die wir am Sonntag im Gottesdienst hören.  Der Mann ist tot. Richtig tot. Jesus hat sogar provozierend lange gewartet, bis er zu dem im Sterben liegenden kommt. Jetzt ist es zu spät. Aber Jesus sagt: "Das ist Ansichtssache."
 
Man muss sich das einmal klar machen: Während wir heute schon innerlich sterben, wenn eine App drei Sekunden länger lädt als gewöhnlich, steht da einer vor einem Grab und sagt im Grunde: „Das ist noch nicht vorbei.“ Das ist entweder Gottessohns Größenwahn - oder eine ziemlich interessante Perspektive. 
 
Der Clou an der Geschichte ist ja nicht, dass da einer wieder lebendig wird. Der Clou ist, dass sie nebenbei eine ziemlich unfreundliche Diagnose stellt: Es gibt offenbar Zustände, die sehen aus wie Leben und sind es nicht. Tot sein, obwohl man lebt – das ist dieser Zustand, in dem alles irgendwie läuft, aber nichts mehr wirklich berührt. Man steht auf, erledigt Dinge, antwortet auf Nachrichten mit „“, daddelt sich durch das Internet, und wenn man ehrlich ist, könnte man auch problemlos eine Woche überspringen, ohne dass es einen großen Unterschied machen würde.
 
Aber umgekehrt eben auch: Zustände, die wie tot sind und es genau nicht sind. Ich denke an die Schuldnerberaterin, die ein paar Stunden damit verbracht hat, dass ein zusammengebrochenes Leben wieder glaubt, dass es hinter dem Horizont weiter geht. Ich denke an die Katechetinnen und Katecheten, die geholfen haben, dass die Erstkommunionvorbereitung so geworden ist, wie sie geworden ist.
 
Lebendig sein hat offenbar weniger mit Vitalwerten zu tun. Sondern mit etwas anderem: "Ich bin die Auferstehung und das Leben" sagt Jesus ein wenig professoral." Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben." Was übersetzt bedeutet: "Ich stehe auf der Seite des Lebendigen, komme, was da wolle. Wer mich in sein Leben lässt, der ist und bleibt selbst lebendig, immer und für immer."
 
Eine ziemlich provozierende Idee: Dass Leben dort entsteht, wo Menschen nicht nur um sich selbst kreisen. Wo einer sich ansprechen lässt. Von etwas, das größer ist als die eigene kleine Gedankenschleife, der eigene Tunnel. Wo einer sich berühren lässt. Wo einer sagt: "Ich sehe dich, ich achte dich, ich habe Respekt, du gehörst dazu." Wo Verbindung ist zwischen allem Lebendigen, damit alles lebendig bleibt. Verbindung mit Gott, der reinen Lebendigkeit.
 
Ein moderner Mensch, der mit Gott und mit allem Lebendigen verbunden ist, wäre dann jemand, der es aushält, nicht das Zentrum des Universums zu sein. Der damit rechnet, dass es so etwas wie Sinn gibt, auch wenn er ihn gerade nicht messen kann. Der sich irritieren lässt – von Schönheit, von Leid, von einem Satz, der plötzlich hängen bleibt. Die Dinge bekommen Gewicht. Oder vielleicht eher: das richtige Gewicht. 
 
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem Lazarus aus dem Grab kommt, nicht nur damals, sondern immer wieder. Nicht als spektakuläre Zombie-Nummer, sondern als leise Verschiebung: Da steht einer auf, der eigentlich schon abgeschlossen hatte. Mit sich, mit anderen, mit allem. So tot war, dass er gestunken hat. Und plötzlich geht doch noch etwas. Man könnte sagen: Er ist lebendig. 
 
 
 
 
 
 
Text: Peter Otten, Köln
Bild: canva.com