
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Das ist eins der zwei zentralen Gebote der Christenheit. Jeus hat sich das nicht ausgedacht, er hat es zitiert, quasi in Erinnerung gerufen. Es stammt aus dem Buch Levitikus (Lev 19.18).
Dieses Gebot entsteht in einer Zeit, in der Leben in erster Linie Überleben bedeutete; das eigene Überleben und das der Familie, der Liebsten. In dieser Zeit war es offensichtlich nötig, auf die Nächsten – die Nachbarschaft mit Witwen und Waisen, Flüchtlinge oder Reisende – hinzuweisen. Und damals waren die Menschen in solchen Situationen unbedingt auf den helfenden Blick der anderen angewiesen; Gasthäuser gab es nicht und Armenfürsorge auch nicht.
Das Wort „Selbstfürsorge“ hätten die Menschen gar nicht verstanden. Zur Zeit Jesu war das wohl kaum anders. Daher erscheint das Gebot logisch: kümmere dich um die anderen genauso, wie du um dich selbst und deine Lieben.
Heute müssen wir den zweiten Teil stärker betonen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – um es ganz ehrlich zu sagen: ich kenne ganz schön viele Menschen, bei denen ich nicht die Nächste sein will. Ich möchte von diesen Menschen bitte nicht so behandelt werden, wie sie mit sich selbst umgehen.
Klar, es gibt immer noch die radikalen Egoistinnen und Egoisten. Doch viele Menschen, die ich so kenne, sind das gar nicht. Die meisten sind eher das Gegenteil – das Wort „nein“ fehlt in ihrem Wortschatz und bei allem, was sie sagen, sorgen sie sich, wie das wohl auf die anderen wirkt.
Vielleicht geht es heute auch ums Überleben, nur nicht mehr auf der unmittelbaren Ebene. Wir werden nicht verhungern oder erfrieren, wir fürchten eher den sozialen Tod, den Ausschluss aus der Gemeinschaft, den Verlust von Zuwendung und Anerkennung.
Wenn das aber im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht, dann verlieren wir uns selbst aus dem Blick. Dann vernachlässigen wir das wundervolle Kind Gottes, das wir selbst sind. Denn wer nur noch nach den Nächsten schaut, verzettelt sich; wer alles nur mit dem Ziel gesellschaftlicher Anerkennung tut, verliert sich selbst und letztlich auch alle anderen.
Das ist sicher nicht, was Christus im Sinn hatte, als er das Gebot so groß gemacht hat.
Und es funktioniert ja auch nicht. Helfen und teilen, Gutsein und trösten können wir ja dauerhaft wirklich nur dann, wenn wir auf einem festen Grund stehen. Ein zufriedener Mensch hilft so, dass andere nicht in Verlegenheit kommen. Dafür muss ich allerdings auch ab und zu mal hinsehen, was eigentlich mit mir los ist.
Was brauche ich denn eigentlich?
Was will ich in meinem Leben (großes Wort, ich weiß?) erreichen?
Ist das, was ich da grade tue, wirklich richtig? Dient es dem Leben, meinem Leben?
Was passiert eigentlich, wenn ich scheitere?
Diese Frage beantworte ich persönlich nicht so einfach, so nebenbei. Dafür muss ich mir Raum schaffen; Raum für mich. Doch: wenn ich das mache, dann weiß ich, wie es sich anfühlt, Raum zu haben, die eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse zu spüren. Und erst dann – davon bin ich überzeugt – kann ich auch anderen diesen Raum eröffnen. Das löst keine Probleme, klar, es ist der Beginn von Wertschätzung und Anerkennung. Wie es dann weitergeht, ist in jedem Einzelfall verschieden.
Sich selbst spüren dürfen, so sein dürfen, wie wir sind, das ist Ausdruck von Liebe, von jener Liebe, die Jeus gemeint haben könnte.
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com
