
Und noch einer ist tot – Judas. Judas, der Verräter, der Heuchler. Judas, den ich noch nie wirklich verstanden habe.
Die Bibel zeichnet ein böses Bild von ihm. Er gehörte zu den zwölf, den ersten Jüngern, von Jesus quasi handverlesen ausgewählt und ist die ganze Zeit dabei, jedenfalls wird nichts anderes erzählt. Er gehört zu denen, die Jesus aussendet und denen der Vollmacht gibt, Geister auszutreiben und Kranke zu heilen. Matthäus nennt ihn sogar namentlich (Mt 10,4).
Johannes dagegen beschuldigt ihn Geld der Gruppe zu veruntreuen (Joh 12,6); da ist von Verrat noch keine Rede. Ich finde das komisch. Wozu braucht sollte er das tun? Was braucht einer Geld, der mit einem Wanderprediger durch die Gegend zieht? Und wenn klar ist, dass er Geld veruntreut, warum hat er dann die Kasse? Fragen, die ich nicht beantworten kann.
Und dann der Verrat. Judas verrät Jesus, dem er ungewöhnlich nahe ist. Wie kann so etwas passieren? Beim Essen noch tunken sie das Brot gemeinsam in die Soße, da müssen sie doch dicht bei einander gesessen haben. Und auch die Geste, mit der Judas Jesus verrät, ist eine freundschaftliche, fast intime. Er küsst ihn.
Klar, die Geschichte ist im Rückblick, vom Rand des leeren Grabes aus erzählt, aber trotzdem. Wie kommt jemand dazu seinen Freund zu verraten, ohne dass es vorher Anzeichen gegeben hätte.
War Judas ein Zelot, der einen gewalttätigen Aufstand gegen die Römer wollte? Manche Interpretationen gibt es in diese Richtung schon. Vielleicht glaubte er, Jesus würde zum Aufstand aufrufen, wenn er erst einmal ein Gefangener war. Vielleicht glaubte er, Gott würde seine Heerscharen senden. Völlig abwegig ist der Gedanke für die damalige Zeit sicher nicht.
Dass er Jesus nicht tot sehen wollt, können wir jedenfalls der biblischen Überlieferung entnehmen. Als er hört, dass Jesus zum Tod verurteilt wird, will er seine Tat rückgängig machen. Doch es ist zu spät. Verzweifelt nimmt er sich das Leben, so berichtet es Matthäus (Mt 27,3-10). Die Apostelgeschichte weiß es anders. Hier wird berichtet, Judas habe sich ein Grundstück gekauft und sei dort auf grauenhafte Weise gestorben (Apg 1, 18). Ganz einig scheint man sich nur darin zu sein, dass Judas ein schlimmes Ende nahm. Ist ja auch kein Wunder.
An mehreren Stellen erzählt die Bibel, der Satan hätte von Judas Besitz ergriffen und ihn zum Verrat gedrängt. Das erscheint einigermaßen logisch.
Und dann kommt Ostern und in der Emmaus-Geschichte (Lk 24,13-35) fragt der noch nicht erkannte Jesus „Musste nicht der Christus das erleiden…?“. Das Leiden gehört offenbar zum Plan. Und der Verrat dann vielleicht auch. Die Verbindung zwischen Judas und Jesus, vor allem die intime Geste des Verrats hat ja an sich etwas Tragisches. Ist vielleicht Judas eine Figur in Gottes großem Plan, jemand der all die Schande auf sich nimmt, damit der Heilsplan gelingen kann? Sind Judas und Jesus am Ende gar Verbündete im Werk der Erlösung? Auch diese Interpretation gibt es in vielen Variationen.
Hätte es wirklich einen Unterschied gemacht, wenn Judas Jesus nicht verraten hätte? Jemand der mit großem Trara in die Stadt einzieht, den hätten die Schergen der Hohepriester sicher auch so gefunden. Getötet haben Jesus letztlich die Römer, routiniert wie sie eben Menschen getötet haben. Pilatus hatte vielleicht gar kein persönliches Interesse an diesem Jesus. Das ist für mich besonders schrecklich: Pilatus lässt Jesus kreuzigen, obwohl er keine Schuld findet, nur um seine Ruhe zu haben. Das finden wir heute ja auch nicht selten. Aktuell ist auch immer noch der Verrat, der Verrat an nahen Freunden, oft aus ganz guten Gründen (jedenfalls für den Verräter oder die Verräterin).
Am Kreuz stirbt einer, der niemandem etwas getan hat, der gewaltlos für eine bessere Welt eintrat. Er stirbt verspottet und verlacht, er ist allein, von fast allen verlassen. Auch das ist uns heute nicht fremd.
Jesu Botschaft, seine Standhaftigkeit, seine Liebe und Nähe können Trost spenden; und Hoffnung für alle: der Tod hat nicht das letzte Wort.
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com
