Gedanken zur Zeit

Emmaus

gehaltene Augen

 
 
 
Immer um Ostern hören wir die Emmaus-Geschichte. Da gehen zwei Menschen tieftraurig und allen Lebensmutes beraubt von Jerusalem nach Emmaus. Jesus, ihr großes Vorbild, den sie für den Erlöser hielten, ist tot. Jämmerlich krepiert an einem Kreuz. Sie haben keine Perspektive mehr. Da tritt der Auferstandene hinzu und sie erkennen ihn nicht. Ihre Augen waren gehalten, so heißt es in der Bibel.
 
Für uns nichts Neues. Unsere Augen, und auch unsere Ohren, sind auch allzu oft gehalten. Das liegt allerdings nicht an unserer Sturheit oder Verblendung, das liegt an unserem Gehirn. Das verbraucht einfach so viel Energie, dass es immer versucht, den Kalorienverbrauch zu senken und das heißt: weniger denken müssen. Wir hören normalerweise auf zuzuhören, wenn wir glauben, verstanden zu haben, um was es geht. Nur bei Irritationen schalten wir den Turbo ein (also in der Regel).
 
So geht es den Jüngern in der Emmaus-Geschichte auch. Die beiden schauen gar nicht erst richtig hin. Sie wissen ja schon, dass Jesus tot ist. Ihre Welt ist klar.
 
Und Jesus handelt – wie immer – klug. Er könnte ja auch gleich rauskommen mit der Neuigkeit „schaut doch mal hin, ich bin’s, ich bin’s wirklich!“. Irgendwann hätte er sie sicher erreicht. Doch das tut er nicht. Zuerst einmal hört er zu. Er lässt sie erzählen von ihrem Kummer, ihrer Trauer und Verzweiflung. Erst dann beginnt er selbst zu reden und er findet einen Punkt, an dem die beiden andocken können: die Schrift. Das ist genau der Punkt, den Jesus immer stark gemacht hat und es ist das, was noch bleibt. Jesus begleitet die beiden nicht nur auf dem Weg nach Emmaus, sondern auch auf dem Weg der Erkenntnis. Er legt ihnen die Schrift aus und deutet sie auf ihn selbst und auf die Erlösung hin.
 
Die beiden verstehen ihn schon, aber sie bleiben immer noch nur in ihrer Welt. Die Irritation, der Game-Changer, die kommt erst beim gemeinsamen Mahl, zu dem sie ihn drängen (auch die Traditionen bleiben, das ist für die beiden wahrscheinlich sehr tröstlich). Erst jetzt, an einer kleinen Geste erkennen sie ihn. Das ist nur möglich, weil er sie den ganzen Weg über begleitet hatte. Und erst in der Rückschau können sie das auf dem Weg gehörte sinnvoll mit ihrer Situation verknüpfen – „brannte uns nicht das Herz?“. Jesus hat es darauf nicht zwingend abgesehen. Die Jünger hätten auch in ihrer Trauer stecken bleiben können. Dann hätten sie die Geste genauso wenig erkannt wie Jesus selbst.
 
Davon könnten wir uns auch eine Scheibe abschneiden, grade wenn wir missionarisch unterwegs sind. Wir brauchen den Menschen gar nicht erst mit Gott zu kommen, wenn sie gar nicht an Gott glauben. Da wären wir viel erfolgreicher, wenn wir erst einmal zuhören und rauskriegen, um was es den Menschen da eigentlich geht. Dann würden auch wir bestimmt leichter Andockpunkte finden. Dann könnten wir mit den Menschen ins Gespräch kommen über ihre Themen, nicht über unsere. Wenn es uns dann gelingt offen zu bleiben und nicht nur unser Ziel zu sehen, dann können diese kleinen Wunder des Alltags geschehen. Dann gehen wir ebenso erfüllt aus einem Gespräch wie unsere Gesprächspartnerinnen, dann helfen wir so, dass unser Handeln auch als hilfreich und nicht als übergriffig empfunden wird.
 
Jesus kam offensichtlich ganz gut mit den gehaltenen Augen klar. Er hat nie etwas erzwungen. Sein Handeln war immer geprägt von großer Offenheit. Er hat die Menschen immer so (an)genommen, wie sie grade waren. Das könnte uns ab und zu ja auch gelingen.
 
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com