Gedanken zur Zeit

Verzweilung

und Mut

 
Sie ist verzweifelt, mehr als das. Sie hat nur noch eine Hoffnung – dieser durchgeknallte Typ aus Nazareth. Sie hat gehört, dass er heilt und – das wiegt noch schwerer – dass er sich nicht um Gerede kümmert. Sonst hätte sie sich sicher nicht getraut.
 
Denn sie gehört zu den abgehängten und marginalisierten Gruppen in dieser Gesellschaft. Einmal natürlich weil sie Frau ist. In patriachalen Gesellschaften reicht das ja eigentlich schon aus. Aber dann ist sie auch noch eine Heidin aus Syrophönizien und schließlich hat sie eine Tochter, die von einem Dämon besessen ist. Tiefer kann sie kaum sinken.
 
Wie verzweifelt muss diese Frau sein, dass sie es wagt, Jesus um Hilfe zu bitten.
 
Als Frau darf sie ihn gar nicht ansprechen, einen Mann, einen Rabbi dazu. Undenkbar.
Als Heidin darf sie nicht auf Unterstützung hoffen – der Messias ist zum jüdischen Volk gesandt worden.
Als Frau mit einer besessenen Tochter braucht sie gar nicht erst ankommen. Es wird schon seinen Grund haben, dass ihr Kind besessen ist und der hat garantiert mit ihr zu tun. Sie muss einfach eine Sünderin sein.
 
Wie verzweifelt und wie mutig! Wer Kinder hat, der weiß es: für das eigene Kind trauen wir uns mehr als für uns. Und sie kämpft wie eine Löwin.
 
Sie wirft sich Jesus zu Füßen und bittet um Hilfe für ihr Kind. Und Jesus lehnt ab. Er ist zum jüdischen Volk gesandt. Das Bildwort, das uns Markus überliefert ist eindeutig und muss für die Frau unfassbar demütigend sein „…es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen.“ (Mk 7,27). Und es bestätigt ihren geringen Stand. Kinder – das ist das jüdische Volk; die Frau aber gehört zu den kleinen Hunden.
 
Ich werde immer wieder zornig, wenn ich das lese – und immer wieder bewundere ich den Mut dieser Frau. Sie gibt nicht auf, es geht um ihr Kind! Jetzt hat sie sowieso schon alles riskiert. Statt sich still und beschämt davon zu machen (dann hätten wir von dieser Geschichte wahrscheinlich gar nichts gehört), widerspricht sie „Aber auch die kleinen Hunde unter dem Tisch essen von den Brotkrumen der Kinder“ (Mk7,28), nicht laut und trotzig, sondern eher leise und immer noch verzweifelt. Sie akzeptiert es, dass sie zu den kleinen Hunden gehören soll – wahrscheinlich fällt es ihr nicht einmal auf, sie wird es gewöhnt sein.
 
Und jetzt wendet Jesus sich ihr als Person zu „Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen!“ (Mk 7,29). Sie hat ihr Ziel erreicht!
Und sie hat Jesus berührt. Das ist etwas, was nachwirken wird. Jesus begreift sich in dieser Episode als der jüdische Messias. Hier weitet er seine Mission aus – auf die kleinen Hunde. Bald wird er die Jünger anweise „aller Welt“ das Evangelium zu verkünden.
 
Die syrophönizische Frau hat Jesus (vielleicht) zum Nachdenken gebracht. Die Geschichte ist zu kurz, um das wirklich beurteilen zu können. Doch sie hat alles gewagt und gewonnen. Sie hat sich über alle Konventionen hinweggesetzt und dem zur Geltung verholfen, was wir „gesunden Menschenverstand“ nennen. Jesus hat sich anrühren lassen. Anders als in vielen anderen Geschichten ist hier vom Glauben gar nicht die Rede. Wahrscheinlich hatte sie einfach Recht und musste viel riskieren, um ihr Ziel zu erreichen.
 
Jesus zeigt sich wieder mal als einer, der gesellschaftliche Konventionen sprengen kann und dass das nicht sofort, sondern erst im zweiten Anlauf geschieht, macht ihn für mich nahbarer. Jesus ist offenbar einer, der sich überzeugen lässt. Auch davon brauchen wir mehr.
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com