Sternenweg

 
 
 
In früheren Zeiten waren Straßen noch nicht aus Beton, die meisten waren nicht einmal aus Stein. Sie waren einfach nur kleine Wege, die mit der Zeit breiter geworden waren, weil immer mehr Menschen auf ihnen unterwegs waren. Und die Straßen kannten die Menschen, die auf ihnen reisten, sie spürten, ob sie dick waren oder dünn, sie rochen, was sie bei sich hatten und sie lauschten ihren Geschichten. Denn in jener Zeit erzählte man sich Geschichten, wenn man unterwegs war. Wenn zwei Straßen sich trafen, dann konnte es geschehen, dass sie ein wenig verweilten, um miteinander zu plaudern und Neuigkeiten auszutauschen. Oft geschah das natürlich nicht. Denn an den großen Kreuzungen, wo viel passierte, war es selten still genug und an den kleinen Kreuzungen trafen sich meist nur kleine Straßen, die nicht viel Neues wussten. Und doch: da trafen sich zur Zeit der Volkszählung des Augustus zwei uralte Straßen vor den Toren Bethlehems und fanden ein Augenblicke Zeit, die Sterne zu betrachten und sich zu unterhalten. Es war schon tiefe dunkle Nacht und Mensch und Tier schliefen und es war nicht ein einziger einsamer Wanderer unterwegs. Ja, und so kam es, dass die beiden ein wenig plauderten. Denn Straßen schlafen nie! 
„Aufregende Zeit sind das. Es scheint, als ob ganz Israel auf den Beinen ist.“ - „Aber ganz Israel ist auf den Beinen! Sag bloß, du hast nichts davon gehört?“ - „Wovon?“ - „Kaiser Augustus in Rom lässt sein Volk zählen. Jeder Mann muss mit seiner Familie in die Stadt ziehen, in der er geboren wurde, und sich dort zählen lassen.“ - „Doch vom Kaiser habe ich gehört. Aber warum macht er denn so was. Das gibt doch nur Unruhe und Durcheinander!“ - „Er braucht Geld! Er lässt alle zählen, damit er besser Steuern von ihnen nehmen kann. Denn wenn er alle gezählt und registriert hat, kann ihm keiner entwischen, wenn er in eine andere Stadt zieht. Du weißt es doch: so ein Kaiser braucht immer Geld!“ - „Ja, den Menschen geht es immer nur um’s Geld!“ - „Vielen jedenfalls. Aber weißt du, was wirklich merkwürdig ist?“ - „Nö“ - „Der Stern da oben.“ - „Meinst du den großen? Der ist mir auch schon aufgefallen. Der ist immer größer geworden und immer heller.“ - „Genau. Und das komische ist: er bewegt sich! Ich bin mir ganz sicher. Ich habe ihn beobachtet – er bewegt sich. Und jetzt kommt’s: auf mir sind Leute unterwegs und denen folgt der Stern!“ - „Du spinnst ja komplett. Sterne kümmern sich nur um ihren eigenen Kram, aber doch nicht um Menschen! Menschen folgen Sternen und nicht umgekehrt!“ -„Wenn ich’s Dir doch sage! Der Stern folgt den beiden! Das sind sowieso zwei ganz besondere Leute.“ - „Wieso das denn? Was ist an denen so Besonderes? Sind die reich?“ - „Im Gegenteil. Bettelarm sind die. Ich kann mir nicht mal vorstellen, wo die den Esel herhaben, auf dem die Frau reitet.“ - „Wieso reitet die denn? Wenn die so arm sind, wieso läuft die dann nicht? Ist sie krank?“ - „Nee, die ist schwanger. Das Kind wird sicher bald kommen. Aber mit dem Kind ist etwas Besonderes –das spür ich! Die beiden können im dicksten Gedrängel gehen –der Esel stolpert nicht, er ist auch nicht störrisch, kein Stein liegt ihnen im Weg, keiner rempelt sie an. Das ist doch komisch, findest du nicht?“ - „In der Tat! Und du bist sicher, dass der Stern denen folgt? Wo sind sie denn jetzt?“ - „Einen Tag voraus. Sie sind gestern hier vorbeigekommen. Warum fragst Du?“ - „Nur so, ich hätte sie gern mal gesehen. Auf mir sind nämlich auch besondere Leute unterwegs und die folgen dem Stern.“
„Und was ist an denen Besonderes?“ - „Na, die sind reich! Und klug! Weise Männer sind das. Nicht aus dieser Gegend – das ist sicher. Sie sehen anders aus als die Leute hier. Einer hat ganz schwarze Haut. Sie haben Kamele dabei, die sind beladen mit Geschenken, Gold wahrscheinlich und Edelsteine. Weihrauch und Myrre auf jeden Fall –das habe ich gerochen. Sie suchen einen neuen König. Jedenfalls reden sie dauernd davon. Und jeden Abend beobachten sie den Stern und beraten die halbe Nacht, wohin er sie wohl führen wird.“ - „Und die folgen meinen Leuten? Die sehen aber gar nicht wie Könige aus. Ich hab auch weit und breit nichts von einem neuen König gehört. Komisch...“ - „Nein. Sie folgen dem Stern. Und weil niemand was von einem neuen König gehört hat, machen sie sich mächtig Sorgen. Nur bei dem Stern, da sind sie ganz sicher, der soll sie zu diesem König führen.“ - „Aber der Stern folgt den zwei Armen! Ehrlich! Einmal haben sie einen ganzen Tag Pause gemacht. Da stand der Stern still –wie angenagelt.“ –
„Ja“ sagte da eine ruhige Stimme „da seid ihr zwei einer wahrhaft wunderbaren Geschichte auf die Spur gekommen!“ Unbemerkt von den beiden Straßen hatte sich ein einsamer Wanderer, nicht alt und nicht jung, mitten auf die Kreuzung gesetzt. Er lächelte: „Das Kind wird schon sehr bald kommen. Und die Gaben der Weisen sind tatsächlich für das Kind der Armen, aber das wissen die Weisen noch nicht. Denn dieses Kind wird die Welt verändern und den Menschen Gottes Liebe zeigen.“ Er nickte noch einmal bedächtig. Dann stand er auf und verschwand ebenso lautlos wie er gekommen war.
„Ja, ist denn das zu glauben? Wer war jetzt auch das? Ich hab sein Gewicht gar nicht gespürt, du?“ - „Nee, ich auch nicht. Vielleicht war das ein Engel oder ein Prophet oder so was.“ - „Merkwürdig“ - „Du, erzählst du mir, wie es mit deinen Armen weitergeht? Ich bin jetzt wirklich neugierig.“ - „Ja, das erzähle ich dir bestimmt. Ich verspreche es.“ Und die beiden Straßen verabschiedeten sich sehr nachdenklich voneinander. Denn im Osten war schon ein heller Streifen am Horizont zu sehen, der Tag brach an und die ersten Reisenden, die es besonders eilig hatten, erwachten schon.
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com