
Kein Mensch ist freiwillig schlecht! Dieser Satz hat meine ersten Jahre im Beratungsgeschäft begleitet wie kaum ein anderer. Ich habe ihn immer wieder von meinem Mentor gehört, der ihn wahlweise Platon oder Churchill zuschrieb. Doch egal, von wem er stammt, er hat einige Jahre meines beruflichen Lebens geprägt. Und grade jetzt wird er mir wieder wichtig.
Gerade jetzt, da so viele Fronten verhärtet zu sein scheinen.
Gerade jetzt, da sich so viele Menschen unversöhnlich gegenüberstehen.
Gerade jetzt, da Beleidigungen und Drohungen, ja mitunter der blanke Hass Einfluss nehmen auf den öffentlichen Diskurs.
Gerade jetzt: kein Mensch ist freiwillig schlecht.
Das ist ein bisschen umständlich formuliert, aber es beschreibt einen wesentlichen Teil unseres Menschenbildes, das nämlich besagt, dass Menschen an sich und im Grund gut sind und das Gute wollen. Ich finde, dass das stimmt! Und das lässt sich einfach besser verstehen mit dieser umständlichen Formulierung: kein Mensch ist freiwillig schlecht.
Und da schau ich doch gleich mal auf mich. Habe ich jemals etwas getan, von dem ich wusste, dass es nur schlecht ist. Nein. Ich tue immer das, was ich für das beste halte. Immer habe ich eine (für mich) positive Absicht. Ja, manchmal wähle ich zwischen zwei Übeln das kleinere aus (und wundere mich danach, wie groß es dann doch ist), aber immer versuche ich, es gut und richtig zu machen. Und das darf ich dem anderen auch unterstellen.
Es ist ja nicht so, dass alle anderen blöd sind und nur ich schlau bin. Wenn ich also immer versuche, das bestmögliche zu tun, dann tun das die anderen auch.
Dem anderen positive Absichten zu unterstellen, hilft mir, nicht aus der Liebe zu fallen. Ich muss ja diese Absichten nicht teilen, auch nicht das Ziel, das dahintersteckt. Aber wenn ich mir klar mache, dass mein Gegenüber so handelt, weil er etwas erreichen will, das er für gut, richtig und wichtig hält, dann verändert das etwas.
Dann geht es um Inhalte, nicht um Personen. Niemand macht etwas, nur um mich zu ärgern – so wichtig bin ich nicht. Vielleicht nimmt jemand bei einer Entscheidung billigend in Kauf, dass es mich ärgern wird. Das kennen wir alle. Doch wenn das so ist, könnte ich ja auch mal überlegen, warum das so ist. Was habe ich getan, dass es in einem anderen Menschen, das Bedürfnis auslöst, mir zu schaden oder mich zu verletzen? Kein Mensch ist freiwillig schlecht…
Anstatt Anderen böse oder verrückte Absichten zu unterstellen könnten wir ja auch neugierig werden auf die Beweggründe für dieses Verhalten, auf die Ziele, die da verfolgt werden.
Ich bin sicher, das könnte uns einander näher bringen, selbst da, wo ich Ziele und Absichten nicht teile. Verstehen wollen ist ein Stück Wertschätzung, von vorn herein Urteilen ist es nicht. Und auch wenn ich dich verstehe, muss ich noch lange nicht deiner Meinung sein.
Wahrnehmen und Verstehen ohne Bewerten, Nachdenken und dann Argumentieren – das ist nicht einfach, ich weiß, aber es ist eben auch eine christliche Haltung, die im anderen immer noch den Menschen sieht, der Gottes geliebtes Kind bleibt, egal wie blöd ich seine Meinung oder sein Verhalten finde. Gott lässt niemanden zurück. So groß ist meine Gnade nicht. Irgendwann will ich mit manchen Menschen nicht mehr im Kontakt sein, grade weil ich sie verstanden habe.
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com