Gedanken zur Zeit

Das ist nicht fair

 

... aber gut

 
 
Es soll gerecht zu gehen in unserer Welt. Wer arbeitet, soll auch entsprechend bezahlt werden. Oder etwa nicht? Jesus scheint das in der Geschichte von den Arbeitern im Weinberg anders zu sehen. Da geht der Besitzer des Weinbergs hin und sucht sich Arbeiter, mit denen er einen Lohn vereinbart. Ein Denar. Das ist nicht grade die Welt – für einen Tagelöhner mit Familie reicht das wahrscheinlich für einen Tag. Weil aber die Arbeiter nicht reichen, geht er immer wieder hin und findet immer wieder neue Arbeiter, die er einstellt. Zuletzt sogar eine Stunde vor Arbeitsende. Da sind nur noch die da, die keiner genommen hat, warum auch immer. Es sind die Verzweifelten, deren Kinder an diesem Abend vermutlich hungrig schlafen gehen müssen. Und dann das: Der Weinbergbesitzer zahlt allen Mitarbeitenden dasselbe! Alle kriegen das Gleiche! Frühaufsteher. Zuspätkommer. Sogar die, die praktisch schon mit einem Feierabendbier auf dem Heimweg sind!
 
Würde diese Geschichte Jesus heute erzählen: Die Medien in unserer aufgeregten Welt würden Sturm laufen. Er müsste mit einem Shitstorm ungeahnten Ausmaßes rechnen. Ein Denar für alle! Das gibt’s doch nicht.
 
Aber Gott rechnet nicht. Ganz offensichtlich interessiert sich Gott nicht dafür, wie perfekt wir sind oder ob am Ende das Richtige rauskommt (was immer das auch sein mag). Gott interessiert nur eins: der Mensch, nicht als Gruppe, nicht als Teil einer Gesellschaft, nein, der Mensch, so wie er oder sie da ist. Immer und immer und immer.
 
Gottes Güte passt in unsere Leistungsgesellschaft einfach nicht hinein. Glaube ist kein Deal, mit Gott können wir nicht handeln. Erlösung ist nicht mein Werk, das Ergebnis meiner guten Taten. Erlösung ist Gnade, unverdient und unverfügbar. Gott ist es egal, ob ich immer schon toll war oder erst im hohen Alter seinem Ruf folge. Er ist wie der Besitzer des Weinbergs – er geht immer wieder hin und lacht und wirbt und freut sich über jeden und jede. Ist das nicht großartig?
 
Die Arbeiter bekommen den vereinbarten Lohn - nicht weniger - und sind trotzdem sauer. Nicht weil sie zu wenig bekommen, sondern weil andere genauso viel kriegen. Das finden sie ungerecht, und das beschreibt unsere Haltung ja auch ziemlich gut.
 
Die Geschichte zeigt, dass es töricht ist, auf den Moment der Abrechnung zu warten, den Augenblich, in dem sich zeigt, wer recht hatte, wer belohnt und wer bestraft wird. Wenn wir so denken zwängen wir Gott in unsere enge kleine Welt. Gottes Güte sprengt unsere Vorstellungen aber. Und grade bei Gnade gibt es kein mehr oder weniger. Der versprochene Lohn ist ja schon Grund genug zur Freude (und mehr als Erlösung geht ja wirklich nicht). Doch wie leicht lassen wir uns verführen, Gott für seine Gnade anzuklagen: ich war viel frommer, viel großzügiger, viel besser als der da. Ich muss dafür auch mehr kriegen. Was sollte das eigentlich sein? Nein, bei Gott gibt es kein mehr, Gott geht immer „all in“.
 
Das ist eine Zumutung für unsere Welt. Mit Gott können wir nicht handeln. Gottes Name ist Ich-bin-da! Was für eine frohe Botschaft!
 
Es liegt an uns, uns davon ergreifen zu lassen; uns einzulassen auf Gottes maßlose Gnade. Wenn ich mich von Gott getragen weiß, dann will ich immer noch, dass es gerecht zugeht und dass es sinnvoll ist (vielleicht sogar sich auszahlt), gut und liebevoll mit anderen umzugehen. Aber dann muss ich nicht mehr dauern rechnen, dann kann ich mich am unverhofften, unverdienten Glück anderer freuen. Und mein eigener Vorrat an Gnade, Nachsicht und Geduld wird immer größer. Das macht übrigens auch die Arbeit entspannter und das Leben schöner.
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com